Kunst in der Regierung - Stefan Quenkert
Spiegelbilder unserer Gesellschaft
Ein Regierungsgebäude betritt man, das haben gerade wir Deutschen noch als spätes Erbe der wilhelminischen Ära verinnerlicht, immer mit einem unbestimmten Gefühl der Inferiorität und vagem Schuldbewusstsein. Wir überprüfen in tiefliegenden Schichten unseres Ichs, ob wir uns als korrekte Staatsbürger bewährt haben: sind die Steuern alle bezahlt und der Strafzettel vergangene Woche? Haben wir unser Auto richtig geparkt, sind wir zur letzten Wahl gegangen?
Die Ausstellungsreihe „Kunst in der Regierung“ eröffnet den Bürgern nun eine sehr erfreuliche weitere Ebene der Wahrnehmung. Wir alle haben nun die Gelegenheit, dieses herrliche Gebäude nicht nur mit einem Anliegen (oder einer Rechtfertigung), sondern mit dem rückhaltlos erfreulichen Erlebnis der Ausstellung „Spiegelbilder unserer Gesellschaft“ von Stefan Quenkert zu verbinden und zu erleben.
Der Künstler steht in seiner künstlerischen Arbeit in einer geradezu mittelalterlichen Tradition, nach der eine solide Kenntnis handwerklicher Fertigkeiten und intime Materialkenntnis, also kurz: das souveräne Beherrschen aller bildnerischen Mittel – zur unabdingbaren Voraussetzung und Grundlage allen künstlerischen Schaffens werden.
So stand eine Ausbildung zum Maschinenschlosser am Beginn seiner Laufbahn, bevor er sein Studium zum Industrie-Designer an der Bergischen Universität Wuppertal absolvierte. In den 80er und frühen 90er Jahren konzentrierte er sich mit seinem Designstudio Finkeldey und Quenkert auf innovatives Industriedesign, dessen Ursprung und Prägung er selbst im Bauhaus festmacht.
Zahlreiche Auszeichnungen, darunter der bayerische Staatspreis oder Auszeichnungen des Design Zentrums Nordrhein-Westfalen sprechen für die erfolgreiche Arbeit dieser Jahre. Der Zusammenschluß zur Interdisziplinären Gruppe Nexus kündigte 1993 durch die Erweiterung um die Bereiche Foto- und Grafik-Design eine stärkere Hinwendung zu dezidiert künstlerischem Arbeiten an.
Diese Entwicklung beginnt allerdings wesentlich früher: bereits 1980 entstehen erste Bilder und Skulpturen. Seit 1995 ist Stephan Quenkert für das Designstudio Nexus nur mehr in beratender Funktion tätig und hat sich konsequent von den Aufgaben des Designs, Funktionales in ästhetische und sinnvolle Form zu bringen, zugunsten des Schaffens reiner Werke der bildenden Kunst gelöst. Dabei hat er sich vor allem der dritten Dimension zugewandt: Schon seit einigen Jahren entstehen in erster Linie Metallreliefs und Skulpturen. Im öffentlichen Raum unserer Region wurden in den vergangenen Jahren mehrere Großplastiken nach gewonnenen Wettbewerben aufgestellt.
Hinweisen möchte ich Sie auch auf eine weitere Arbeit Stephan Quenkerts, die im Moment andernorts hier in Landshut zu sehen ist: Sie entstand speziell für die Ausstellung „Gegenwartskunst und Stadtgeschichte im Dialog – 800 Jahre Landshut im aktuellen Licht niederbayerischer Kunst“, die im Franziskanerkreuzgang zu sehen ist. Der Künstler wollte darin nicht ein historisches Ereignis aufgreifen, sondern den Betrachter dazu bringen, die Geschichte in Verbindung mit der Zeit besser zu verstehen. So steht sein in mehrere Ebenen getieftes Lamellenrelief mit der riesigen 800 gleichsam als Symbol für die Ausstellung und das Stadtjubiläum. Der Betrachter – und das ist das Entscheidende - muß dabei seinen Standort und seine Perspektive mehrmals wechseln, um die Zusammenhänge zu erfassen – ein typisch quenkertsches Stilmittel einer Strategie gegen das Tunnelsehen und Eckendasein, wie es der Künstler selbst formuliert.
Die in der jahrelangen erfolgreichen Tätigkeit als Designer erworbenen Grundsätze der Gestaltung von Form und Raum sind auch das prägende Fundament seiner aktuellen künstlerischen Arbeit:
Industriedesigner erforschen bei der Entwicklung jedes Produktes genau die Bedürfnisse, Wünsche und ergonomischen wie funktionalen Ansprüche späterer Benutzer. Auf diese Weise erforschen Sie den modernen Menschen, seine tägliche Lebenswelt und deren Umstände aufs Genaueste.
Stephan Quenkert nutzt diese in vielen Jahren erworbenen Kenntnisse, indem er die Betrachter seiner Werke in ihrer vertrauten Erfahrungswelt abholt. Die Skulptur „Pfeiffer“, die sie hier im ersten Stock finden, löst bei ihren Betrachtern immer wieder zunächst die spontane Reaktion „Ah, eine Lampe“ aus.
Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass wesentliche Elemente eines solchen funktionalen Lichtspenders fehlen: kein Kabel bedeutet: keine Energiezufuhr, kein Leuchtmittel bedeutet: keine Möglichkeit, einen Raum zu erhellen. So holt Stephan Quenkert den Betrachter seines Werkes zunächst in dessen ureigenster Lebenswelt ab, um ihn dann aber unvermutet auf das dünne Eis seiner eingeschränkten Wahrnehmung zu führen: Dabei eröffnet er ihm durch Irritation und semantische Irreführung eine neue Ebene dieser Wahrnehmung. Seine Lampe ist keine Lampe, aber das Bild einer Lampe. Die damit verbundene Verwirrung der Deutungsmöglichkeiten führt zu einer neuen Betrachtung des Kunstwerkes – und damit auch zu einer Relativierung all der unzähligen Dinge unseres täglichen Lebens, deren Form und Funktion von uns nicht mehr in Frage gestellt wird.
Dieses „Umkehren“, dieses „Auf den Kopf Stellen“ alles als selbstverständlich Gegebenen erinnert dabei sofort an Marcel Duchamp, die Schlüsselfigur des Dadaismus am Beginn des 20. Jahrhunderts, dessen berühmte Ready-Mades als Provokation gegen das sentimentale Kunstverständnis seiner Zeit wirken sollten. 1914 zeigte er etwa mit seinem „Flaschentrockner“ in einer Pariser Ausstellung ein gewöhnliches Industrieprodukt, während er im Jahr darauf für einen riesigen Skandal sorgte, als er ein benutztes Urinoir zum Kunstwerk erklärte und unter dem Titel „Fontaine“ zu einem Kunstwettbewerb einsandte.
Die Irritation des Publikums wurde zu seinem charakteristischen Stilmittel. Der Betrachter in seiner Rolle als Rezipient von Kunst war für Duchamp dabei stets ein konstruktives Element seiner Werke.
Auch im Werk Stephan Quenkerts finden sich wesentliche Aspekte dieser Auffassung wieder: Nach einem langem Prozeß der Vorüberlegungen liefert er das experimentelle Verfahren und die Idee, während der Betrachter das Kunstwerk erst ergänzt und vollendet, indem er es als Angebot annimmt und durch seine eigene Vorstellung gleichsam komplettiert.
Gedanklich verwandt erscheinen einem hier auch die Arbeiten des Amerikaners Richard Artschwager, der in den 60er und frühen 70er Jahren zum inneren Zirkel der Pop Art gehörte. Auch er machte Objekte des täglichen Lebens zur ausschließlichen Basis seines skulpturalen Schaffens. So schuf er etwa über Jahrzehnte Möbelskulpturen, die die Funktion eines Möbels nicht erfüllten: einen Schrank, dessen Türen sich nicht öffneten, einen Stuhl auf dem man nicht sitzen konnte....
Auf diese Weise fand er zu neuen Formen des Realismus, zu einer Kunst zwischen Fiktion und Wirklichkeit, eine Methode, die sich auch im Werk des bei uns bekannteren Claes Oldenburg wiederfindet.
Stefan Quenkert nutzt die Anliegen und Errungenschaften der Pop Art, die Grenzen zwischen Kunst- und Alltagsrealität aufzuheben und führt sie souverän, aber niemals beliebig in unsere tägliche Dingwelt hinein. Die Grammatik des Gestaltens, die in seiner Tätigkeit im Industriedesign fußt, verwandelt er in abstrakte Kunstwerke, die immer in der Welt des Gegenständlichen ihren Rückbezug finden. Er greift konkrete, uns bekannte Gegenstände auf, deren gewohnte Wahrnehmung im Alltag auf ihre Funktion reduziert ist und deren individuelle, gestaltete Existenz nicht mehr wahrgenommen wird. Die Spannung entsteht dabei zwischen den (scheinbar) realen Gegenständen und der Kunstrealität.
Hinweisen möchte ich Sie in diesem Zusammenhang auf die jüngst entstandene Arbeit „Leonard Bernstein. Ein Denkmal“ im ersten Stock, in der er in bestechender Weise die Persönlichkeit des großen Dirigenten, Komponisten und Pianisten in einer Arbeit umsetzt, die alle Elemente des zum Vergleich danebenstehenden Klavierhockers aufgreift und in einer neuen Form sublimiert.
Stefan Quenkert interessiert immer der große Zusammenhang, also nicht nur das gestaltete Objekt, sondern auch die Frage, inwieweit er durch seine Eingriffe in unsere Sehgewohnheiten zu einer intensiveren Kommunikation und einer Relativierung des allzu Gewohnten beitragen kann.
Dieses zentrale Anliegen einer gezielten, wenn auch subtilen Provokation, bei der immer auch eine dezidiert ironische, kritische Note mitschwingt, fußt in der Ideenwelt des Dada, dieser provokativen Kunstrichtung der 20er Jahre. Der Satz Raoul Hausmanns „Warum Geist haben in einer Welt, die mechanisch weiterläuft?“ kann auch als Motor der künstlerischen Arbeit Stefan Quenkerts gelten, der eben diese mechanischen Abläufe von Wahrnehmung im Alltag mit absoluter Konsequenz durch seine intellektuell durchdachten Konzepte stört.
Seine Arbeiten mischen sich ein. Man erwartet es zunächst nicht. Auf den ersten Blick erscheint alles ganz offensichtlich. Doch dann schleicht sich etwas ein: die Erkenntnis nämlich, dass die Dinge, die wir zu sehen glauben, in ihrem vermeintlichen Bedeutungszusammenhang vor unseren Augen zerfallen.
Stephan Quenkert ist der erste der hier in der Regierung von Niederbayern ausstellenden Künstler, der sich den stimmungsvollen Innenhof des ehemaligen Dominikanerklosters erobert hat.
Die Arbeit „Kengo Kuma“ von 2004 ist ein typisches Beispiel dafür, wie in seinem Werk ein Impuls, in diesem Fall das Detailphoto eines Gebäudes des japanischen Architekten Kengo Kuma, in einer Skulptur mündet, die wesentliche Elemente des ursprünglichen Gebildes aufgreift und zugleich verwandelt.
Diese Herleitung und Genese ist mit dem Werkprozeß untrennbar verbunden: Auch das Photo, das in dem begleitend erschienenen Katalog die Arbeit flankiert und in diesem Fall diagonal übereinander liegende Lamellen zeigt, gehört zur Skulptur.
Die Struktur dieses architektonischen Elementes wird analysiert und in einem synthetisierenden Prozeß in die Form der Skulptur gebracht.
Gerade erst fertiggestellt ist die zweite Arbeit im Innenhof, die schon jetzt zum Publikumsliebling avanciert: Der „Schildbürger“, der das uns allen allzu bekannte Motiv eines Verkehrsschildes in einer Weise umdeutet, die in ihrer satirischen Hintergründigkeit an die Filme Jaques Tatis erinnert. Der französische Regisseur und Schauspieler schuf in Filmen wie „Playtime“ oder „Traffic“ in den sechziger Jahren mit seiner berühmten Figur des Monsieur Hulot den Inbegriff des liebenswürdigen Individualisten, der sich in einem permanenten und hoffnungslosen Kampf mit den Tücken der modernen Zivilisation befindet.
Viele wesentliche Elemente eines vertrauten Signalschildes finden sich hier im ersten Moment des Betrachtens wieder. Auf den zweiten Blick erst offenbart sich die Verwirrung des Gewohnten: Neben dem eigentlichen Schildpfosten verankert steht eine Halterung, die unbesetzt bleibt; das eigentliche Schild selbst mit seinen Farben rot und gelb auf beiden Seiten ist etwa mit einer Ampel konnotiert. Aber ist es lesbar? Erschließt sich seine Bedeutung? Erfüllt es die Funktion eines Signals, das uns zu einer bestimmten, genau festgelegten Reaktion animiert und legitimiert damit seine Existenz?
All diese Fragen müssen wir verneinen. Bei längerer Betrachtung erfassen wir erst, dass sich das Schild mit dem Wind sogar wie eine kinetische Skulptur um seine eigene Achse dreht! Ein (Verkehrs-) Schild, das keine Richtung festlegt? Das sich nach Gesetzen bewegt, die nicht durch uns festgelegt sind?
Solche ironischen Irritationen sind wesentliches Charakteristikum der bildnerischen Schöpfungen Stephan Quenkerts. Seine Botschaft an uns lautet: „Nichts ist so, wie es scheint“, oder, um mit den Worten Albert Einsteins zu schließen,
„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“.
Stefanje Weinmayr
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